Die Rohrbacher Heimatfreunde haben das neu erschienene Buch „Freiheit für Rohrbach – 50 Jahre Gebiets- und Verwaltungsreform“ des Stadtarchivs vorgestellt. Im Rahmen einer Veranstaltung in der historischen Rohrbacher Mühle beleuchtete Dr. Markus Gestier, Historiker und Autor, die Auswirkungen der Reform auf die Gemeinde Rohrbach und präsentierte seinen Aufsatz zu diesem Thema vor etwa 50 interessierten Zuhörern, darunter Zeitzeugen und ehemalige Ortsvorsteher.
Die Gebiets- und Verwaltungsreform in den 1970er Jahren veränderte die kommunale Struktur des Saarlandes grundlegend. Ziel war es, kleinere Gemeinden zusammenzulegen, um die Verwaltung zu modernisieren, die Effizienz zu steigern und den Herausforderungen einer veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage gerecht zu werden. Auch Rohrbach war von dieser Reform betroffen – eine Entwicklung, die für viele Bürger bis heute mit gemischten Gefühlen verbunden ist.
Dr. Gestier ging in seinem Vortrag auf die starke Ablehnung der Rohrbacher Bevölkerung gegenüber der Eingemeindung nach St. Ingbert ein. Die Bewohner von Rohrbach verfügten damals über eine eigenständige kommunale Infrastruktur, die eine gut entwickelte Industrie, ein Erholungsgebiet, ein fortschrittliches Schulsystem mit teilweiser Lernmittelfreiheit und ein blühendes Geschäftsleben umfasste. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, setzten sich die Rohrbacher energisch zur Wehr: Es gab Demonstrationen, Petitionen an die Landesregierung und rechtliche Schritte, die jedoch letztlich alle erfolglos blieben.
Eine treibende Kraft des Widerstands war der damalige Bürgermeister Walter Bettinger, der einen Bürgerverein mit über zweitausend Mitgliedern hinter sich wusste. Er versuchte gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus den benachbarten Gemeinden Hassel und Kirkel, eine Alternative zur Eingemeindung zu schaffen. Bettinger hatte die Vision, einen Zusammenschluss dieser Gemeinden zu einem eigenständigen Gebiet zu erwirken, das als „grüne Lunge“ zwischen den Industriezentren St. Ingbert, Homburg und Neunkirchen fungieren sollte. Doch trotz seines unermüdlichen Einsatzes scheiterten seine Bemühungen. Ein wesentlicher Grund dafür, so schilderte Dr. Gestier, war Bettingers parteilose Position – eine Schwäche, die ihm in einem Umfeld, in dem politische Entscheidungen häufig in Parteizentralen und Hinterzimmern getroffen wurden, zum Verhängnis wurde.
Die Zuhörer in der historischen Rohrbacher Mühle erhielten einen lebhaften Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen jener Zeit. Der Vortrag machte deutlich, dass die Gebiets- und Verwaltungsreform ein tiefgreifendes Kapitel der Lokalgeschichte darstellt. Die Widerstände und Bemühungen der Rohrbacher Gemeinde, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, bleiben bis heute ein eindrucksvolles Beispiel für bürgerliches Engagement und den Erhalt lokaler Identität.
Das Buch „Freiheit für Rohrbach – 50 Jahre Gebiets- und Verwaltungsreform“ lädt dazu ein, sich intensiv mit diesen historischen Ereignissen auseinanderzusetzen und das Erbe der damaligen Bürgerproteste zu würdigen.